Gewinnergeschichte des Schreibwettbewerbs

Irische Momente

 

Kurt Schleicher

Liam

"Gott ist ein Verschwender!", plärrt Liam und schüttelt sich mit großen Gesten den Regen von seiner Wachsjacke. Ein nasser Windzug pumpt sich durch die Pubtür, in deren Rahmen Liam herumfuchtelt und seinen allabendlichen Auftritt zelebriert. Die anwesenden Männer drehen die Köpfe kurz wahrnehmend in Richtung "Exit" um sich dann wieder ihren Gesprächen zuzuwenden.
Hinter der Theke drückt Morris den Zapfhebel nach unten um ein weiteres Pint in die zweifelhafte Freiheit des Glases zu entlassen.
"Du sollst deinen Gott nicht lästern!", predigt der Barmann über den Tresen hinüber zu Liam, der umständlich aus seinem Wachsjanker heraus zappelt.
"Ich lästere nicht, Morris! Ich kritisiere!", kontert Liam während er auf einen Barhocker klettert. "So viel Wasser auf ein Land, das von Wasser umgeben ist. Meine Socken sind feucht seit dem Kriege!" Er schmunzelt und kneift die Augen zusammen.
"Und in deinen Stiefeln wachsen Pilze, – das wissen wir!", lacht Morris, während er mit einem kunstvollen Handgelenksschwung unter dem Zapfhahn ein Shamrock in den elfenbeinfarbigen Schaum des Guinness malt.
"Der Herr sollte den Regen in die Hölle gießen und den Teufel ersäufen – ein Pint bitte, Morris!" Liam nickt selbstbestätigend mit dem weißhaarigen Schädel.
"Der Teufel hat einen verdammt langen Schnorchel und hier ist auch Wasser drin, Liam!" Morris stellt das schwarze Pint vor Liam auf den Tresen und grinst.
"Na, wenn das so ist, dann lass es regnen, oh Herr. Amen und Sláinte!" Liam lässt sein knurrendes, wahrheitsgetränktes Lachen hören und nimmt einen großen Schluck.
Er hat seinen Auftritt gehabt, – wie jeden Abend und etliche Pints werden nun seine Kehle baden und seine Seele laben. Alles wird etwas leichter werden im Laufe des Abends, – bis auf die Zunge, die mehr und mehr auf den gälischen Geschmack kommt und kauderwelscht wie ein glucksender Bergbach.
Ich stehe etwas abseits der Theke am Kamin, wo ein Stück Torf langsam verglimmt und ein wenig wohlige Wärme suggeriert. Im Grunde bedienen die grauen Rauchschwaden, die der Brocken Peat ausdampft nur das bekannte Klischee des Torffeuer-Aromas. Romantisch? Vielleicht sogar schnulzig, aber genauso real wie Liam, der Musterire im Pub, – und so wirklich und wichtig, wie der Pub selbst.
Nach dem zweiten Guinness dreht sich Liam am Tresen ein Zigarettchen. Sorgfältig fabrizieren seine Hände ein leicht konisches Tabakröhrchen und Morris beobachtet Liam stirnrunzelnd. Man spürt förmlich wie eine schelmische Heiterkeit in Liam hochsteigt, um sich schließlich in einem weiteren Ritual zu entladen. Liam leckt kurz über die Nahtstelle des fertig gebastelten Glimmstängels und wendet sich zu Morris: "Keine Angst, Barmann! Ich werde nicht in deinem Pub rauchen, so wie ich das ein halbes Jahrhundert lang gewohnt war. Ich bin ein gehorsamer Gast und folge dem Gebot: Drinnen trinken – draußen rauchen!" Mit theatralischer Geste wendet sich Liam an sein Publikum im Gastraum und rezitiert: "Ich respektiere eure Gesundheit und richte mich draußen im Regen zu Grunde!" Er lacht, schließt die Augen und zieht genießerisch schnaufend die Zigarette über seinen Schnurrbart.
Morris lächelt und steigt in Liams Auftritt ein: "Das ist sehr anständig von dir, Liam! Du bist ein wahrhaft großer Mann!"
"Du sagst es, Morris! Du sagst es!"
Liam stelzt durch den Pub auf die hintere Tür zu. Im Hof hat man eine eher ungemütliche, aber gut frequentierte Raucherecke eingerichtet und Liam kommt an mir vorbei. Er bleibt stehen und mustert mich. Gespannt blicke ich dem weißhaarigen Mann in die funkelnden Augen. Liam räuspert sich: "Ich kenne dich, Junge! Du hast gestern hier gesungen. The Fields of Athenry! Ich liebe dieses Lied und ich danke dir!"
"Freut mich, Liam, wenn es dir gefallen hat!"
"Wo kommst du her, Junge? Du sprichst so einen scheußlichen Dubliner Dialekt wie mein Cousin Padraigh, – der lebt in Bally­brack!"
"Oh, Sir, das ist ja fast ein Kompliment für mich. Ich bin kein Ire! Ich komme aus Deutschland – aus Bayern!"
"Heiliger Strohsack, Junge, ich verzeihe dir!" Liam wendet sich noch einmal an die Anwesenden und klopft mir auf die Schulter:
"Das ist mein junger Freund aus Deutschland. Sänger, Trinker, Nichtraucher. Ein guter Mann!" Liam boxt mir spielerisch auf den Arm und verschwindet nach draußen auf den Hof.
Rasch spüle ich den in mir aufsteigenden peinlichen Stolz mit dem Rest meines Pints runter und hole mir ein neues bei Morris am Tresen. Der lächelt und sagt bedächtig: "Alle Achtung, alter Knabe! Liam hat morgens keine, mittags wenige und abends nur bedeutende Freunde. Willkommen in Irland!"