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Leseprobe

Joachim HuessnerEin Weg hinters Licht von Joachim Huessner im Drachenmond Verlag

Ein Weg hinters Licht

"Mit dem mitleidigen Blick einer Grundschullehrerin vor ihrem schlechtesten Schüler erklärte sie mir: „Mir ist etwas Unglaubliches widerfahren und ich habe meine wahre Berufung gefunden. Ich lebe jetzt zeitweise in der 5. Dimension und weiß, dass ich die reine Liebe zu den Menschen bringen soll. Nicht nur zu dir, und deshalb kann ich dir auch kein Versprechen mehr geben. Für was auch immer kommt, und um für alles frei zu sein, musste ich den Ehering ablegen. Aber sobald du den nächsten Schritt machst, kannst du mich verstehen.“
Ich merkte, wie ich fiel und aufschlug. Darauf war ich nicht vorbereitet. Mit ihrer kleinen Ansprache hatte sie das, was ich für die Grundlage unserer Ehe hielt, durch den Schornstein geblasen. Ihre Augen waren plötzlich eiskalt und die Schwingungen, die von ihr ausgingen, waren alles andere als göttliche Liebe. Sie hatte das mit einer solchen Entschlossenheit und Überzeugung vorgebracht, dass meine aufkommende Angst fast zur Panik wurde.
„Liebe?... Wie meinst du das? So wie Jesus, der alle Menschen liebte, oder....?“ Aber sie hatte es wirklich nicht darauf abgesehen, Zweifel zu hinterlassen.
„Die göttliche Liebe unterscheidet nicht nach irdischen Maßstäben – wenn es verlangt wird, gebe ich die Liebe in jeder Form!“
Ich verlor die Fassung. „Das kann doch nicht dein Ernst sein? Spürst du nicht, dass das unser Ende ist!“
In ihrem Gesicht lag Gleichgültigkeit. „Nein, das muss es nicht. Du musst dich nur weiterentwickeln, dann verstehst du mich. Ich gehöre einfach nicht mehr dir allein. Aber eins ist klar, wenn du dich nicht transformierst, wird unsere Beziehung auf kurz oder lang kaputt gehen.“
In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich meine Frau überhaupt nicht mehr kannte. Es traf mich völlig unvorbereitet.
Noch einmal versuchte ich es: „So funktioniert doch keine Partnerschaft. Du kannst doch nicht mit jedem bumsen, der es gerade braucht, nur weil es deine neue Religion verlangt!“
Die Antwort darauf klang vorgekaut: „Du reduzierst jetzt alles auf das Körperliche. Das kommt nur von der Angst, mich zu verlieren. Der erste Schritt, den du machen musst, ist, mich loszulassen.“
„Ich will dich aber nicht loslassen, deswegen habe ich dich doch nicht geheiratet!“, schrie ich sie an.
Sie schüttelte ihre kupferfarbenen Locken. „Die alte Pia, die du dir wünschst, gibt es nicht mehr. Ich habe in diesem Leben einen Auftrag von Gottvatermutter bekommen und den werde ich erfüllen. Akzeptiere es, oder trenn’ dich von mir!“
Damit ließ sie mich stehen."