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Leseprobe

Sigrid Bonkowski & Marion SchuckartWo der Mond auf dem Rücken schläft von Mareike Schuldt im Drachenmond Verlag

Australien ruft Südheide

China: Chinesen müssen Lippen aus Asbest haben. Sie schlürfen die kochendheiße Suppe in Rekordzeit in sich hinein, die dampfenden Nudeln, die ihnen eben noch zwanzig Zentimeter aus dem Mund hingen, verschwinden in Sekundenschnelle, ohne erkennbare Brandspuren zu hinterlassen und ohne durch das tiefe, geräuschvolle Einatmen direkt in die Lunge gesaugt zu werden. Erstaunlich und nicht zur Nachahmung empfohlen...

Tibet: Die vier Kilometer zum Camp wollte ich allein sein mit meinen feierlichen Empfindungen beim Anblick des in der späten Nachmittagssonne strahlenden Mount Everest, meiner tiefen Demut angesichts von soviel Erhabenheit der Natur. Besonders der Rückweg querfeldein war wie in meinen Träumen vom Everest: kein Windhauch in vollkommener Stille, ein im Spiel von Licht, Schatten und Wolken langsam in der Dämmerung versinkender Berg, keine Menschenseele, nur die überwältigende Natur und ich...

Australien: Mein Vater hatte einmal im Spaß gesagt, dass ich gar nicht zu Besuch zu kommen brauche, ich bringe ja immer den Regen mit. So auch hier. Wir fuhren schon bei bedecktem Himmel in Adelaide los. In der ersten Nacht tröpfelte es uns allerdings nur etwas aufs Haupt, was uns nicht weiter erschütterte, sondern im Gegenteil zum allgemeinen Wohlbehagen im wasserdichten swag, dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer, beitrug. Die zweite Nacht trocken. Aber dann! Bei einem kurzen Stopp am Lake Eyre, einem riesigen, weitgehend ausgetrockneten Salzsee am Südrand der Simpson Desert, machte sich am Horizont ein Streifen hübscher ocker-grauer Farbe breit. Darüber flauschige Gewitterwolken. Putzig, fanden wir zunächst. Nettes Naturschauspiel, danke für den Service. Auch Macka war noch relativ ruhig. Wir fuhren weiter, der Streifen kam näher. „Macka, was ist denn das?“ Macka, unerwartet einsilbig: „Ein Sandsturm.“
Aha, daher kam mir die Farbe aus Peking so bekannt vor. Dass die gigantische Staubwolke sich wie eine Wand auf mich zu bewegt, kannte ich auch noch von dort, nur wirkte diese Wand hier in freier Wildbahn in unserem rollenden home sweet home doch etwas größer, mächtiger, überwältigender als im sicheren Schutz eines fest gemauerten Hauses. Trotz der kolossalen und irgendwie schon bedrohlichen Wand vor uns, die aussah wie ein überdimensionierter Uluru, – oder gerade deswegen – wurden wir im Wagen immer aufgeregter, fotografierten wie wild, redeten und lachten immer lauter, wobei die Bandbreite des Vokabulars für ein solches Naturschauspiel mich als Linguistin nur begrenzt befriedigte – „Boah!“, „Fuck!“, „Bloody hell!”, „Wow!“, „Shit!“ …Whatever happened to magnificent, marvellous, spectacular, breathtaking or fabulous?! -, aber mehr habe ich auch nicht herausgebracht! Mit 100 Stundenkilometern auf eine Wand zuzurasen, das verschlägt einem schon mal die Sprache! Irgendwann schluckte die Wolke uns...

Neuseeland: Wie leer Neuseeland ist! Die immerhin 650 Kilometer lange, zentrale Bergkette der Südinsel wird von ganzen drei Straßen gequert! Mehr brauchen die gut vier Millionen Einwohner und die jährlich zweieinhalb Millionen Touristen offenbar nicht, die vierzig Millionen Schafe sowieso nicht. Die Schafe werden übrigens derzeit gerade geschoren, oder sollte ich lieber sagen gerupft? Einige der Scherer haben offenbar ihre kreative Ader entdeckt: Die Muster, mit denen die armen Viecher sich nun für Monate durch Berg und Tal quälen dürfen, reichen von Zebrastreifen über Kreation ‚Raue See’ und abgewandelte Nürburgringe bis zu psychedelischen Verirrungen im Dickicht der Wolle. Einzig Schachspieler scheint es unter den Scherern nicht zu geben!

Sigrid Bonkowski & Marion Schuckart - Foto:Uta Germer

Schützenfest in Wahrenholz: Auf dem Heimweg wurde mir klar, warum in Wahrenholz bis mindestens zum Morgengrauen gefeiert wird. Als hinter Gaby und mir die Tür des Saals ins Schloss fiel, sahen wir – nichts! Stockfinsterste Nacht! Kein Stern, kein Mond, keine Laterne! Eine kleine Schrecksekunde lang dachte ich, ich wäre plötzlich erblindet, denn ich sah wirklich überhaupt nichts außer Schwarz! Wie Hänsel und Gretel fassten wir uns an den Händen und ertasteten mit der jeweils freien Hand unseren Weg zwischen den dicken Eichen, die rund um das Schützenhaus Stolz und Würde der Schützen symbolisieren. Wir arbeiteten uns Schritt für Schritt gemeinsam die 200 Meter bis zur Hauptstraße vor, jederzeit auf einen Zusammenstoß mit einer Eiche oder einer Laterne, was wahrhaftig der größte Witz gewesen wäre, gefasst...

Schweden: Obwohl ich schon auf einem Butterschiff, das noch an der Kaimauer fest vertäut war, seekrank geworden bin, habe ich eine Schwäche für die Seefahrt und insbesondere für Segelschiffe. Es gab Zeiten, da konnte ich Brigg, Bark und Schoner voneinander unterscheiden, wusste was ein Fockmast und was ein Rahsegel ist. Diese Kenntnisse haben sich „verflüchtigt“, doch die Faszination bleibt und das Vasa-Museum bediente diese vorzüglich.
Trotzdem reichte es Christian und mir nach drei Stunden und wir beendeten die Besichtigung im Schnelldurchlauf, ließen uns in der Cafeteria nieder und warteten dort auf Hans-Joachim, bei dem so ein Museumsbesuch schon mal ein paar Stunden länger dauern kann. Ich erinnere mich an ein Militärmuseum in Wien, in dem er wohl am liebsten in die Vitrinen hineingekrochen wäre. Nach Käsekuchen, Kaffee und Fanta fand ich einen Block und Stifte in meinem Rucksack, also spielten wir beide „Schiffe versenken“. Ich schwöre, dass mir die Geschmacklosigkeit, ja geradezu Frevelhaftigkeit, meiner Spielidee im Schatten der Vasa erst Tage später aufgegangen ist!